So schützt du deinen Fokus: vor Mails, Meetings – und dir selbst

Fokus schützen, besser fuehren Bild vom Steg, glasklarer See, Berge in der Ferne, blaues Licht

10:23 Uhr. Endlich Zeit für die Quartalsstrategie. Du öffnest das Dokument. Zwei Minuten später: eine Slack-Nachricht. „Kurze Frage – hast du zwei Minuten?“ Du antwortest. Dann klingelt das Telefon. Dann kommt eine E-Mail mit dem Betreff „dringend“. Um 11:45 Uhr schaust du auf den Bildschirm: Das Dokument ist noch leer. Du hast den ganzen Morgen gearbeitet – nur nicht an dem, was wirklich zählt …

Schleichende Fokusfresser

Unterbrechungen im Führungsalltag sind keine Ausnahme – sie sind die Regel. Meetings, Nachrichten, Anfragen, Türöffner-Gespräche. Das Ergebnis: Fokus ist nicht etwas, das du verlierst. Er wird dir Stück für Stück abgezogen – oft ohne, dass du es bemerkst – und oft von dir selbst.

Was jede Unterbrechung wirklich kostet – und warum das Stress bedeutet

Gloria Mark und ihr Team von der University of California, Irvine, haben in einer Feldstudie (2008) gemessen, was passiert, wenn Wissensarbeiter unterbrochen werden. Das Ergebnis ist unangenehm präzise: Im Durchschnitt dauert es rund 23 Minuten, bis eine Person nach einer Unterbrechung wieder vollständig in ihre ursprüngliche Aufgabe eingetaucht ist. Und das bei jeder einzelnen Unterbrechung.

Hinzu kommt, was Sophie Leroy von der University of Washington als „Attention Residue“ beschrieben hat: Wenn wir von einer Aufgabe zur nächsten springen – besonders wenn die erste noch offen ist –, bleibt ein Teil unserer Aufmerksamkeit gedanklich bei der alten Aufgabe hängen. Wir sitzen körperlich bei der neuen Aufgabe, aber mental noch halb bei der alten. Das kostet Denkleistung, ohne dass wir es merken.

Marks Studie zeigt noch etwas: Unterbrochene Arbeit wird zwar schneller erledigt – aber mit signifikant mehr Stress, mehr Zeitdruck und mehr Frustration. Die Beschleunigung ist eine Kompensation. Kein Gewinn.

Der eigentliche Antreiber sitzt innen

Hier wird es interessant – und ein bisschen unbequem. Denn die meisten Unterbrechungen im Führungsalltag kommen nicht von außen. Sie kommen von innen.

Der Nobelpreisträger Kahneman nennt es System 1 – wir im Institut nennen es den „Automaten“: den Teil deines Gehirns, der blitzschnell reagiert, bewertet und handelt, bevor du auch nur einen bewussten Gedanken gefasst hast. Wenn eine Nachricht aufploppt, springt der Automat an. Er fragt nicht: „Ist das jetzt wichtig?“ Er reagiert einfach.

Dahinter stecken automatische Gedanken, die du wahrscheinlich nicht mal als Gedanken wahrnimmst – eher als Selbstverständlichkeit: „Ich muss sofort erreichbar sein.“ „Wenn ich nicht sofort antworte, verliere ich Kontrolle.“ „Ich darf niemanden warten lassen.“ Diese Ideen sind nachvollziehbar – sie kommen oft aus einem echten Verantwortungsgefühl. Doch sie laufen ungeprüft ab und enthalten unrealistische Forderungen. Albert Ellis nannte diese Art von Denkmustern „irrationale Überzeugungen“. Sie steuern dein Verhalten – unabhängig davon, ob sie in der Situation wirklich sinnvoll sind. Wer all diesen Impulsen folgt, managt den ganzen Tag lang seine Überzeugungen – und bringt die eigentliche Arbeit nur schwer voran.

Fokus ist keine Begabung – er ist eine Entscheidung

Wer glaubt, manche Menschen hätten einfach mehr Fokus, verwechselt Ergebnis mit Ursache. Fokus entsteht nicht durch Disziplin allein – er entsteht durch Nein. Nein zu den eigenen Ansprüchen, die flüstern: Reagier sofort. Nein zu den Erwartungen anderer, die dich aus jeder tiefen Arbeit herausreißen. Und manchmal auch: Nein – nicht jetzt, sondern später. Das klingt einfacher als es ist, solange der Automat das Steuer hält. Aber wer sich Fokusfreiräume bewusst schafft – ohne darauf zu warten, dass sie irgendwann von selbst entstehen –, der steuert den Tag. Statt umgekehrt.

Dein Impuls für morgen

Zähle morgen, wie oft du dich selbst unterbrichst – nicht wie oft andere dich unterbrechen. Notiere jeden Moment, in dem du von einer Aufgabe wegspringst, bevor sie abgeschlossen ist. Und frag dich dabei: Was hat mich gerade gezogen – und welcher Gedanke stand dahinter?

Fokus ist Selbstführung

Wer seinen Fokus schützen will, muss zuerst verstehen, was ihn von innen untergräbt. Genau das – die eigenen Antreiber kennen, automatische Muster erkennen und bewusst unterbrechen – ist der Kern von Selbstführung. Und Selbstführung ist erlernbar. Im Leadership Programm des Dr. Holzinger Instituts ist das der erste Schritt: First Lead Yourself. Wer sich selbst führt, führt andere klarer. Highly Focused – nicht als Versprechen, sondern als Praxis.

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