Du kennst diese Meetings. Jemand aus deinem Team bringt eine Idee, die du für falsch hältst. Vielleicht sogar offensichtlich falsch. Dein erster Impuls: korrigieren. Klarstellen. Die bessere Perspektive einbringen.
Verständlich. Du bist schließlich Führungskraft – nicht, weil du die Kaffeemaschine als Erste:r einschaltest, sondern weil du Dinge erkennst, die andere (noch) nicht sehen.
Und trotzdem kommt dein Einwand nicht an. Die andere Person geht offen in die Konfrontation oder zieht sich zurück – und denkt weiter genauso wie vorher.
Woran liegt das?
Warum dein Gegenüber dich gerade nicht hört
Die Neurowissenschaftlerin Tali Sharot hat in einer Studie, die 2019 in Nature Neuroscience publiziert wurde, etwas Faszinierendes herausgefunden: Wenn Menschen einer Meinung sind, zeigt eine bestimmte Region im Gehirn – der präfrontale Kortex – deutlich mehr Aktivität. Sie verarbeitet die Meinung des Gegenübers aktiv, bewertet sie, lässt sie rein.
Wenn Menschen aber das Gefühl haben, dass ihnen jemand widerspricht, passiert genau das Gegenteil: Dieselbe Hirnregion schaltet quasi ab. Sie encodiert die Qualität der fremden Meinung schlicht nicht mehr – egal wie gut das Argument ist. Sharots Fazit: Wer bereits im Widerstand ist, ist neurologisch kaum noch erreichbar.
Und jetzt kommt das eigentlich Spannende: Das passiert auch dir. Auch dein Gehirn macht das. Der Unterschied ist nur, dass du in der Führungsrolle derjenige bist, der zuerst reagiert – und damit den Ton für das ganze Gespräch setzt.
Wenn zwei „Automaten“ aufeinander treffen
Kahneman nennt es System 1. Wir nennen es bei uns im Institut den Automaten: den Teil deines Gehirns, der blitzschnell reagiert, bewertet und urteilt – bevor du auch nur einen bewussten Gedanken gedacht hast.
Der Automat ist in vielen Situationen ein Segen. Er spart Energie. Er ist schnell. Er hat in der Evolution ganze Arbeit geleistet.
Aber in kniffligen Führungssituationen? Meistens eine Katastrophe.
Denn wenn dein Automat auf den Automaten deines Mitarbeitenden trifft – also wenn zwei Menschen in einer Sekunde reagieren, bewerten und verteidigen – dann wird aus einem potenziell guten Gespräch ein Ping-Pong aus Ego und Abwehr. Niemand hört mehr wirklich zu. Niemand bewegt sich wirklich.
Und du fragst dich am Ende, warum es so anstrengend ist, Menschen mitzunehmen.
Nicht überzeugen wollen – sondern inspirieren
Sharots Empfehlung daraus ist konsequent: Finde zuerst, was euch verbindet. Erst dann öffnet sich das Gehirn des anderen – und damit die echte Möglichkeit, etwas zu bewegen. Nicht Überzeugung durch Widerspruch. Sondern Inspiration durch Anschluss.
Das klingt einfach. Das ist es nicht – solange der Automat das Steuer hat. Aber sobald du es durch bewusste Übung internalisierst, verändert sich etwas Grundlegendes: Du hörst anders zu. Du suchst nicht mehr den Fehler im anderen – du suchst den Anknüpfungspunkt. Und dann kostet Führung deutlich weniger Energie. Weil du nicht mehr gegen Menschen ankämpfst, sondern mit ihnen gehst.
Dein Impuls
Nimm dir das nächste Gespräch vor, in dem du instinktiv widersprechen willst – und stelle dir vorher eine einzige Frage:
„Was glaubt oder will diese Person – und wo berührt das meine eigene Sichtweise? Wie bleiben wir darüber im Gespräch?“
Das ist nicht als Trick zu verstehen, sondern als echtes Innehalten. Du wirst überrascht sein, wie viel sich öffnet, wenn du einen Moment lang nicht gegen-, sondern mitdenkst.
Führung beginnt im Kopf
Andere wirklich mitzunehmen – nicht durch Druck, sondern durch Resonanz – ist eine der anspruchsvollsten Führungsaufgaben überhaupt, denn es setzt die gekonnte Selbstführung voraus: Den Automaten zu kennen. Zu merken, wann er übernimmt. Und die Wahl zu haben.
Genau das ist der Kern unseres Leadership Programms: Führungskräfte, die sich selbst führen können – und dadurch andere auf eine Art mitnehmen, die wirklich wirkt. Wir zeigen nicht nur die wissenschaftlichen und menschlichen Theorien dahinter, wir zeigen sehr lebhaft, wie das in der Praxis funktionieren kann.