Sinn ist ein Kompass, kein Feuerwerk
Markus sitzt im Auto. Montagmorgen, Autobahn, Kaffee in der Halterung. Innerlich lähmt ihn der Gedanke: „Irgendwie hab ich einfach keinen Bock mehr“. Es ist nicht das erste Mal. Es kommt in Wellen – meistens wenn es gerade zäh ist, die Aufgaben sich stapeln und Ergebnisse auf sich warten lassen. Jedes Mal hat er das Gefühl: Irgendetwas stimmt nicht. Mit dem Job. Mit ihm. Vielleicht ist der Sinn weg. Was er dabei übersieht: Er verwechselt das Fehlen von Lust mit dem Fehlen von Sinn. Obwohl das so schlüssig scheint, handelt es sich um einen Denkfehler. Und er ist überraschend weit verbreitet.
Das stille Missverständnis hinter dem „Warum bin ich hier eigentlich?“
Viele Menschen tragen eine stille Überzeugung mit sich: Wenn ich meinen Job sinnvoll finde, muss ich ihn auch gerne machen. Wenn die Lust nachlässt, ist der Sinn weg.
Der Zeitgeist macht es nicht einfacher. Wir leben in einer Ära, in der Wandel so schnell passiert, dass die Erwartung mitgewachsen ist: Es müsste doch eigentlich leichter gehen. Mehr Wirkung, weniger Aufwand. KI beschleunigt dieses Versprechen – und die Wirklichkeit des Führungsalltags frustriert dann umso mehr, wenn sie sich nicht daran hält. Wer Sinn mit mühelosem Flow gleichsetzt, erlebt jeden zähen Tag als Beweis dafür, dass etwas nicht stimmt. Dabei war Durchhaltevermögen noch nie das Gegenteil von Sinn – es war immer seine Voraussetzung.
Sinn und Motivation sind zwei verschiedene Dinge. Genauso wie Kompass und Treibstoff zwei verschiedene Dinge sind: Der Kompass zeigt die Richtung. Der Treibstoff liefert die Energie. Wer seinen Tank nicht voll vorfindet, hat deshalb noch lange keinen kaputten Kompass.
Was die Forschung dazu sagt
Michael F. Steger, einer der meistzitierten Sinnforscher weltweit, hat in einer Studie von 2012 (Work and Meaning Inventory, Journal of Career Assessment) empirisch belegt, was viele intuitiv nicht glauben wollen: Sinnerleben und Freude an der Arbeit sind zwei unabhängige Dimensionen. Menschen, die ihrer Arbeit Sinn zuschreiben, zeigen höhere Resilienz und stabilere Leistung – unabhängig davon, ob sie die Arbeit gerade genießen. Sinn entsteht laut Steger dort, wo jemand das Gefühl hat, dass seine Arbeit bedeutsam ist, kohärent und über das eigene Ich hinauswirkt. Das hat mit Dauerbegeisterung wenig zu tun.
Und trotzdem fühlt es sich so an, als hätte man keinen Sinn mehr, wenn Lust und Energie fehlen. Warum? Weil der „Automat“ im Hirn – das schnelle, assoziative Denken – Sinn reflexartig mit dem Gefühl von Energie und Freude verknüpft. Das ist die emotionale Erfahrung, die sich sinnvoll anfühlt. Also zieht der Automat den Schluss: kein gutes Gefühl = kein Sinn. Viktor Frankl hat das schon 1946 anders beschrieben: Menschen können Sinn auch unter extremsten Bedingungen finden – nicht weil die Umstände gut sind, sondern weil ihre innere Haltung trägt. Sinn ist kein Wetter. Er ist eine Haltung.
Und dann gibt es noch das, was wir im Institut Double Trouble nennen: Führungskräfte leiden nicht nur unter Aufgaben, die gerade wenig Freude machen. Sie leiden zusätzlich unter dem Widerstand dagegen – unter der Überzeugung, dass es so nicht sein darf. Das ist die sekundäre Störung. Der erste Frust ist menschlich. Der zweite ist hausgemacht. Und paradoxerweise: Wer das begreift, kommt leichter weiter – weil er aufhört, gleichzeitig gegen die Aufgabe und gegen den eigenen Widerstand anzukämpfen.
Sinn braucht keine gute Stimmung
Ein Teilnehmer aus Modul 1 des Leadership Programms hat das auf eine Art zusammengefasst, die man sich merken kann. Er kämpfte monatelang gegen Aufgaben an, die ihn nicht begeisterten – und erschöpfte sich dabei mehr am Widerstand als an der Arbeit selbst. Sein Motto seither, leicht augenzwinkernd: „Mach’s halt ohne Bock.“ Nicht resigniert, sondern befreit. Er erledigt, was zu erledigen ist – ohne emotionalen Aufruhr darüber, dass es ihm gerade keinen Spaß macht. Das Ergebnis: weniger Erschöpfung, mehr Handlungsfähigkeit. Der Kompass zeigt noch dieselbe Richtung wie vorher. Er liest ihn jetzt nur wieder richtig.
Das ist der eigentliche Hebel: nicht die Überzeugung loszuwerden, dass Führung manchmal anstrengend ist – sondern die Überzeugung zu disputieren, dass fehlende Begeisterung bedeutet, dass der Sinn verloren gegangen ist.
Dein Impuls
Denk an eine Phase in deiner Führungsrolle, in der du nicht begeistert warst – aber trotzdem Einsatz gebracht hast. Was hat dich damals geleitet, wenn nicht das Gefühl? Schreib die Antwort auf. Nur für dich. Was du dabei findest, ist wahrscheinlich dein Kompass.
Wer seinen Kompass kennt, braucht kein Feuerwerk
Mentale Standortbestimmung bedeutet nicht, zu prüfen, ob man gerade Lust hat. Sie bedeutet, zu prüfen, ob man noch weiß, wohin man will – und warum. Genau das ist der Kern von Modul 1 unseres Leadership Programms: First Lead Yourself. Wer sich selbst führen kann, braucht keine perfekten Umstände, um wirksam zu sein. Er braucht Klarheit. Und die beginnt mit der richtigen Frage.
Oder gleich anmelden. Die neue Gruppe beginnt am 12. Juli 2026.
Anmeldeschluss ist der 30. Mai 2026