19:30 Uhr. Sandra, Bereichsleiterin, sitzt noch im Büro. Nicht weil sie es will – sondern weil sie das Gefühl hat, sie muss. Das Projekt muss heute noch fertig werden. Die E-Mail muss heute noch raus. Das Gespräch mit dem Mitarbeiter muss vorbereitet sein. Auf dem Heimweg fragt sie sich, wann sie eigentlich aufgehört hat, ihren Job zu mögen. Die ehrliche Antwort: Sie gestaltet ihn nicht mehr – sie erledigt ihn.
Vielleicht kennst du dieses Gefühl.
Nicht die Arbeit macht müde – sondern das Muss
Es gibt Führungskräfte, die viel arbeiten und trotzdem morgens gerne aufstehen. Und es gibt Führungskräfte, die weniger arbeiten – und dennoch das Gefühl haben, unter einer Schicht aus Verpflichtungen begraben zu sein. Der Unterschied liegt nicht unbedingt im Kalender. Er liegt in der inneren Haltung, mit der man an die Arbeit herangeht.
Der Muss-Modus ist nicht immer offenkundig. Er schleicht sich ein. Irgendwann ist aus „Ich will dieses Projekt voranbringen“ ein „Ich muss liefern“ geworden. Aus „Ich möchte für mein Team da sein“ ein „Ich darf nicht versagen“. Aus einer Aufgabe eine Pflicht – und aus einer Pflicht, irgendwann, ein Gefängnis. Der Sinn ist dabei nicht verschwunden. Er ist nur unter einer Schicht aus Muss-Sätzen begraben.
Was im Kopf passiert, wenn Wollen zu Müssen wird
Albert Ellis, Psychologe und Begründer der REVT, hat dieses Muster schon in den 1960er Jahren präzise beschrieben – und ihm einen Namen gegeben: Demandingness. Gemeint ist die innere Tendenz, absolute Forderungen an sich selbst, andere und die Welt zu stellen. Nicht Wünsche oder nicht Ziele – sondern starre Imperative: Es muss so sein. Ich muss das schaffen. Es darf nicht schiefgehen.
Ellis‘ Kernbefund: Nicht die äußeren Umstände erzeugen emotionales Leiden – sondern die absoluten Forderungen, die wir an sie stellen. Eine Führungskraft, die denkt „Ich will heute diese Entscheidung treffen“, erlebt Druck als Herausforderung. Dieselbe Führungskraft, die denkt „Ich muss heute diese Entscheidung treffen“, erlebt denselben Druck als Bedrohung. Gleiche Situation. Anderes Denken. Völlig andere emotionale Wirkung.
Kahneman würde ergänzen: Diese Muss-Sätze produziert nicht die rationale Seite deines Gehirns – sie kommen vom Automaten, von System 1. Sie fühlen sich nicht wie Überzeugungen an, sondern wie Fakten. „Ich muss das jetzt lösen“ entsteht blitzschnell, unreflektiert, ohne dass du je bewusst entschieden hättest, diese Forderung zu stellen.
Die WHO hat übrigens 2019 offiziell bestätigt, was Ellis schon Jahrzehnte früher beschrieben hat: Chronisch unkontrollierter Druck – nicht das Arbeitsvolumen allein – ist der Kern von Burnout. Das Muss ist das Problem, nicht die Menge.
Wer nur noch „muss“, verliert den Zugang zu sich selbst
Hier liegt der eigentliche Sinn-Killer: Wer im Muss-Modus führt, verliert die erlebte Freiheit im Handeln – auch dann, wenn er formal alle Entscheidungen trifft. Führung fühlt sich nicht mehr wie Gestaltung an, sondern wie Abarbeitung. Nicht nach Wahl, sondern nach Zwang. Und Sinn – das hat schon Aristoteles gewusst, lange bevor Ellis es wissenschaftlich untermauert hat – entsteht nur dort, wo Menschen das Gefühl haben, aus sich selbst herauszuhandeln. Weil sie wollen – nicht, weil sie müssen
Das ist kein Luxusproblem. Es ist ein Denkproblem. Und Denkprobleme lassen sich lösen.
Muss-Sätze wahrnehmen und überdenken
Nimm dir morgen einen Tag lang vor, deine Muss-Sätze zu bemerken. Nicht zu hinterfragen, nicht zu verändern – nur zu zählen. „Ich muss das noch erledigen.“ „Das darf nicht schiefgehen.“ „Ich muss immer verfügbar sein.“ Und dann stell dir abends eine einzige Frage: Welche dieser Muss-Sätze wären eigentlich Kann-Sätze – wenn du ehrlich bist?
Aus „Ich muss das hinbekommen“ wird: „Ich wünsche mir, heute alles erledigt zu bekommen und ich werde mein Bestes geben.“ Das klingt nach einer Kleinigkeit. Ist es aber nicht. Der Wunsch enthält etwas, das die Forderung nie hat: die stille Erkenntnis und Akzeptanz, dass die Realität nicht immer so funktioniert, wie wir es verlangen. Und genau diese Akzeptanz ist es, die den Druck rausnimmt – ohne den Anspruch aufzugeben. Genau darin liegt der erste Schritt zurück zu dir selbst.
Gedankenfesseln lösen – das ist Führungsarbeit
„Ich würde das Leadership Programm für mich als Befreiung von Gedankenfesseln bezeichnen. Es gibt mir die Freiheit, selbst entscheiden zu können, welche gedankliche Richtung ich einschlage.“
Diese Worte stammen von einer Teilnehmerin des Leadership Programms – und sie treffen den Kern dessen, worum es in Modul 1 geht: um die bewusste Selbstführung. Führungskräfte lernen, ihre Muss-Antreiber zu erkennen, zu hinterfragen und in echte Entscheidungen zu überführen. Als Haltung – nicht als Technik.
Wenn du das Gefühl kennst, dass du deine Arbeit nicht mehr führst, sondern sie dich – dann ist das kein Zeichen von Unvermögen. Es ist ein Hinweis, dass dein Denken ein Update verdient hat. Genau dafür ist das Leadership Programm gebaut.
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Anmeldeschluss ist der 30. Mai 2026