In der Führung bedeutet Stress vor allem eines: den Verlust von Gestaltungsfähigkeit.
Solange Stress als persönliches Erleben verstanden wird, bleibt er unangenehm, aber scheinbar begrenzt in seinen Konsequenzen.
Sobald man Stress jedoch als Denkphänomen begreift, wird klar, warum er in der Führung über Wirkung, Entwicklung und Zukunft entscheidet.
Stress ist der Gegenpol von Gestaltung
Führung bedeutet, Zukunft zu gestalten. Nicht operativ abzuarbeiten, was anliegt, sondern Richtung zu geben, Entscheidungen zu treffen und Entwicklung zu ermöglichen.
Zukunft existiert dabei nicht real. Sie existiert naturgemäß nur als Gedanke.
Führungskräfte arbeiten permanent mit mentalen Modellen: Vorstellungen davon, was kommen könnte, was möglich ist und was vermieden werden sollte. Genau hier wird Stress relevant.
Denn Stress reduziert nicht nur Energie. Er reduziert Denkraum.
Unter Stress lassen Konzentration, geistige Beweglichkeit, Kreativität und mentales Geschick nach. Denken wird enger, weniger flexibel, weniger spielerisch. Wo Denken enger wird, schrumpft Zukunft.
Gesundes Denken ist eine Zukunftskompetenz
In Zeiten von KI, Transformation und globaler Unsicherheit verschiebt sich die Rolle von Führung grundlegend. Informationen sind jederzeit verfügbar. Analysen werden automatisiert. Geschwindigkeit lässt sich skalieren.
Was sich nicht automatisieren lässt, ist Urteilskraft: die Fähigkeit zu priorisieren, Sinn zu stiften und Verantwortung für Richtung zu übernehmen. KI kann Informationen verarbeiten. Sie kann aber keine Zukunft entwerfen.
Je komplexer Systeme werden, desto entscheidender wird die Qualität des Denkens, mit dem geführt wird. Gesundes Denken ist deshalb keine persönliche Vorliebe und kein Stilthema. Es ist eine zentrale Führungsfähigkeit.
Stress ist ein Zeitphänomen
Stress entsteht nicht durch zu viele Aufgaben. Er entsteht durch die Bewertung der Umstände – und durch die Aufmerksamkeit, die dabei gebunden wird.
Gedanklich hält sich der Geist dann selten dort auf, wo Führung tatsächlich stattfindet: im Jetzt. Stattdessen ist er gebunden an die Vergangenheit („Das hätte anders laufen müssen.“ „Darauf hätte ich vorbereitet sein müssen.“) oder an die Zukunft („Was, wenn das schiefgeht?“ „Welche Folgen hat diese Entscheidung?“).
Stress ist zu 90 % ein Kognitionsprodukt. Eine Reaktion auf mentale „Zeitreisen“. Dann ist der Körper im Meeting – der Geist aber bereits woanders.
Stress ist genau dieser Zustand: geistige Abwesenheit. Und geistige Abwesenheit ist der größte Feind von Führung.
Warum Stress ein Zukunftskiller ist
Das Problem ist nicht, dass unter Stress weniger geleistet wird. Oft wird sogar mehr gearbeitet.
Das Problem ist ein anderes: Entwicklung kommt zum Stillstand. Unter Stress verengt sich Denken. Optionen werden weniger, Risiko wird vermieden, Führung wird defensiv. Zukunft wird nicht mehr gestaltet, sondern verwaltet.
Stress verhindert nicht Performance. Er verhindert Weiterentwicklung. Wer unter Stress führt, reagiert auf Zukunft – statt sie zu gestalten.
Ein anderer Umgang mit Stress ist erlernbar
Die entscheidende Einsicht ist dabei eine entlastende – und zugleich anspruchsvolle:
Wenn sich Denken unter Druck verengt, ist das kein Charakterzug. Und auch kein Zeichen mangelnder Belastbarkeit.
Es ist ein kognitiver Mechanismus. Ein Denkprozess. Und Denkprozesse sind formbar.
Wer Stress nur managen will, bleibt im selben Denkrahmen. Wer verstehen will, wie Denken unter Druck funktioniert, erweitert ihn.
Ein intelligenter Umgang mit Stress bedeutet nicht weniger Verantwortung, weniger Druck oder weniger Komplexität. Er bedeutet ein tieferes Verständnis der eigenen Denkvorgänge, die Einsicht, wie Denken Gefühle und Verhalten steuert, bewusste Selbstführung und geistige Präsenz dort, wo entschieden wird.
Das ist keine Technik. Es ist eine Denkdisziplin.
2026 wird nicht einfacher – aber anders denkbar
Das kommende Jahr wird nicht weniger komplex. Wahrscheinlich nicht langsamer. Und sicher nicht berechenbarer. Die entscheidende Frage für Führung ist deshalb nicht:
Wie werde ich Stress los? Sondern: Wie klar kann ich denken, wenn es darauf ankommt?
Weniger Stress bedeutet nicht weniger Verantwortung. Es bedeutet mehr Denkfreiheit dort, wo sie am meisten zählt. Dadurch entsteht mehr Leichtigkeit im Führungsalltag.
Im Leadership Programm des Dr. Holzinger Instituts arbeiten wir genau an dieser Stelle: nicht an To-do-Listen und nicht an Stressbewältigung – sondern an der Qualität des Denkens, mit dem Führung Zukunft gestaltet.