Wenn Festhalten dich mehr kostet als Loslassen
Markus ist kein Zögerer. Trotzdem umkreist er seit Monaten seine Teamstruktur, ohne sie wirklich anzufassen. Die Ergebnisse stagnieren, zwei seiner Leute wirken unmotiviert, und er selbst merkt, dass er in Meetings mehr moderiert als führt. Er weiß, was das bedeutet. Nur: Dass die Veränderung besser wird als das, was er kennt – das weiß er eben nicht. Die vertrauten Abläufe versagen nicht ganz. Und in einer Zeit, in der so vieles wegbricht, fühlt sich das wie ein gültiges Argument an.
Markus mangelt es nicht an Erfahrung. Doch in diesem Fall fehlt ihm der Mut. Und der entsteht nicht einfach durch Willenskraft, sondern durch eine bewusste Entscheidung – unterstützt durch die Einsicht, was gerade im eigenen Kopf passiert.
Das Paradox: Stabilität durch Stillstand ist eine Illusion
Was sich wie Sicherheit anfühlt, ist oft nur Vertrautheit. Das Gehirn bewertet Bekanntes automatisch höher als Unbekanntes, egal wie sinnvoll eine Veränderung wäre. Wer in einem Umfeld dauerhafter Umwälzung an Strukturen oder Rollen festhält, die nicht mehr tragen, zahlt auf Dauer einen Preis – und merkt es häufig erst, wenn er zu hoch geworden ist.
Was im Kopf passiert, wenn Wandel droht
Kahneman, Knetsch und Thaler haben 1991 im Journal of Economic Perspectives einen Mechanismus beschrieben, der erklärt, warum Loslassen so schwerfällt: den Endowment-Effekt. Menschen bewerten Dinge, die ihnen gehören oder vertraut sind, systematisch höher als gleichwertige Alternativen – unabhängig vom tatsächlichen Nutzen. Es handelt sich dabei um einen Automatismus von System 1, Kahnemans Begriff für unser schnelles, unbewusstes Denken. Es reagiert auf drohenden Verlust mit Rückzug, noch bevor der rationale Verstand einen Gedanken fassen kann.
Dazu kommt: Verluste wiegen psychologisch etwa doppelt so schwer wie gleichwertige Gewinne. Samuelson und Zeckhauser zeigten bereits 1988 an der Harvard University, dass Menschen bei bedeutsamen Entscheidungen systematisch die Option bevorzugen, die den Status quo erhält – selbst wenn objektiv bessere Alternativen auf dem Tisch liegen.
Für Markus heißt das konkret: Sein Gehirn bewertet das Vertraute automatisch höher als das Mögliche – das ist der Endowment-Effekt in Aktion.
Die gedankliche Blockade erkennen
Was seine Entscheidung endgültig blockiert, ist ein Gedanke, der im Hintergrund läuft: „Was, wenn die Umstrukturierung scheitert? Was, wenn es danach schlechter wird – und alle sehen, dass ich es verbockt habe?“ Die Bedrohung entsteht nicht so sehr durch den möglichen Verlust selbst, sondern durch den irrationalen Satz dahinter: „Das darf auf gar keinen Fall passieren.“ Eine absolute Forderung, die aus einer normalen Unannehmlichkeit eine gefühlte Katastrophe macht. Und solange dieser Satz unbemerkt läuft, trifft Markus keine Entscheidung. Er wartet.
Handlungsspielraum zurückgewinnen
Festhalten bedeutet nicht per se Stabilität, sondern ist in erster Linie ein kognitiver Automatismus. Der Automat im Kopf unterscheidet nicht, ob etwas wirklich schützenswert ist – oder nur vertraut. Das Ergebnis: Man arbeitet viel, bewegt sich wenig. Man leistet, aber wächst nicht. Wer das erkennt, gewinnt etwas zurück, das gerade viele verlieren: Handlungsspielraum. Und damit die Möglichkeit, sich wieder zu entwickeln – statt nur zu verwalten, was war.
Dein Impuls
Gibt es in deinem Führungsalltag gerade etwas – eine Struktur, eine Strategie, eine Rolle, eine Beziehung –, das du festhältst, obwohl du ahnst, dass es dich mehr kostet als es dir gibt? Und wenn ja: Was hält dich wirklich davon ab, es loszulassen? Achte darauf, was dir dazu durch den Kopf geht – ohne Zensur, ohne Ordnung. Genau in diesem ersten, unsortierten Gedankenstrom tauchen die irrationalen Überzeugungen auf, die sonst unbemerkt das Steuer übernehmen.
Führung in Zeiten, die nicht warten
Wandel ist keine Phase mehr, die irgendwann endet. Er ist der neue Normalzustand – wirtschaftlich, technologisch, gesellschaftlich. Wer innerlich gegen das ankämpft, was sich ohnehin verändert, zahlt dafür mit Energie, die im Führungsalltag an anderer Stelle fehlt – und mit der Möglichkeit, Wandel aktiv mitzugestalten statt ihm hinterherzulaufen. Das macht auf Dauer unzufrieden. Dabei gibt es eine Stellschraube, die kleiner ist, als die meisten denken – man muss sie nur präzise einstellen. Loslassen ist keine Frage der Persönlichkeit: Es ist eine Denkleistung. Und Denkleistungen kann man trainieren.
Das Leadership Programm des Dr. Holzinger Instituts setzt genau hier an. In vier Modulen über ein Jahr lernst du, die Überzeugungen zu erkennen und zu verändern, die dich festhalten – und entwickelst die mentale Klarheit, die es braucht, um in Zeiten des Dauerwandels souverän zu führen.
Der Anmeldeschluss für den nächsten Start ist der 9. Oktober, Beginn ist der 22. November.
Die Plätze sind begrenzt.