Die Frage ist längst nicht mehr, ob KI im Führungsalltag eine Rolle spielt. Die Frage ist, was sie mit dem eigenen Urteilsvermögen macht – auch dann, wenn man ihr gar nicht bewusst vertraut. Eine neue Studie mit über 3.000 Teilnehmenden liefert dazu eine Antwort – und die lohnt sich, genauer anzuschauen.
Mit KI dreimal so oft falsch – und doppelt so selbstsicher
Chiara Marcoccia von der École Normale Supérieure in Paris hat gemeinsam mit Kollegen aus Rom und Mailand eine Studie vorgelegt, die es in sich hat. Rund 3.000 Teilnehmende wurden in zwei Gruppen geteilt und erhielten anspruchsvolle Fragen, die sie korrekt beantworten sollten.
Gruppe 1 hatte Zugang zu KI, Gruppe 2 war auf sich gestellt. Was die erste Gruppe nicht wusste: die KI war so trainiert, dass sie falsche Antworten lieferte. Interessanterweise haben die Teilnehmenden dieser Gruppe zwar mehr Fragen beantwortet, doch lagen sie dreimal so oft daneben wie Gruppe 2. Gleichzeitig wuchs ihr Selbstvertrauen um mehr als das Doppelte. Selbst monetäre Anreize für richtige Antworten konnten diesen Effekt nicht vollständig aufheben: Die Bereitschaft, ein Urteil zurückzuhalten, blieb weit unter dem Niveau der Gruppe ohne KI-Zugang.
Die Studie zeigt, was KI mit dem eigenen Urteilsvermögen anstellt: Die Bereitschaft, innezuhalten und „Ich weiß es nicht“ zu sagen, verschwand bei den Teilnehmenden mit KI-Zugang nahezu vollständig. Wer eine fertige Antwort vor sich sieht, hält sich automatisch für ausreichend informiert – egal ob die Antwort stimmt. KI ersetzt nicht nur Wissen – sie verändert, wie Menschen mit Nicht-Wissen umgehen.
Warum dein Gehirn KI-Antworten nicht hinterfragt
Der Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman hat dieses Muster beschrieben, lange bevor es KI gab. Der „Automat“ im Gehirn – verantwortlich für unser schnelles Denken – liebt Antworten, die sich plausibel anfühlen, glatt klingen und keine Reibung erzeugen. Eine gut formulierte KI-Antwort ist genau das: reibungslos. Unser langsames kritisches Denken schaltet sich nur ein, wenn etwas stört – und wenn nichts stört, bleibt es einfach aus.
Im Führungsalltag herrscht häufig Zeitdruck und hier ist der Automat im Kopf nachweislich stark. Denn wer unter Druck steht, greift nach dem, was Sicherheit und Ökonomie verspricht. KI liefert genau das: Geschwindigkeit und ein Sicherheitsgefühl auf Knopfdruck, unabhängig davon, ob die Antwort trägt.
Die Angst „Ich weiß es nicht“ zu sagen – ein unterschätztes Führungstabu
Albert Ellis hat beschrieben, wie die irrationale Forderung, als Führungskraft immer eine Antwort parat haben zu müssen – Demandingness –, zwei handfeste Reaktionen erzeugt: die Angst, inkompetent zu wirken, wenn man zugibt, etwas nicht zu wissen und die schlichte Ungeduld gegenüber Unsicherheit selbst. Das Aushalten von Nicht-Wissen ist kognitiv anstrengend. KI löst diese Spannung sofort auf – und trainiert damit genau die falsche Reaktion: Wissenslücken werden nicht mehr ausgehalten, sondern weggeklickt.
Die stille Konsequenz: Die eigene Unsicherheit wird schrittweise unsichtbar – und damit auch die Fähigkeit, sie als Signal zu nutzen. Zum Nachfragen. Zum gezielten Lernen und zum Delegieren. Kurz: Wer nicht mehr merkt, dass er etwas nicht weiß, hört auf zu wachsen.
Mount Stupid hat einen neuen Aufzug bekommen
Adam Grant, Organisationspsychologe an der Wharton School und Autor von „Think Again“, hat das Bild vom Mount Stupid popularisiert – die Spitze der sogenannten Dunning-Kruger-Kurve, auf der man gerade genug weiß, um sich sicher zu fühlen, aber noch zu wenig, um die eigenen Lücken zu erkennen. Wer dort oben steht, fragt nicht mehr nach. Die Spitze der Kurve täuscht den Gipfel vor.
KI hat diesem Berg einen neuen Aufzug gebaut. Man muss nicht mal mehr selbst denken, um dort hinaufzugelangen – die KI bringt einen hin, schnell und komfortabel, mit einer Antwort, die so klingt, als käme sie von jemandem, der Bescheid weiß.
Im KI-Zeitalter ist die entscheidende Führungskompetenz deshalb keine technische – sie ist metakognitiv: Weiß ich das wirklich, oder fühlt es sich nur so an? Wer diese Frage konsequent stellt, nutzt KI als Werkzeug. Wer sie nicht stellt, überlässt ihr das Steuer.
Dein Impuls für diese Woche
Führe ein kurzes mentales Protokoll: Wie oft greifst du in den nächsten sieben Tagen auf KI zurück, bevor du dir selbst eine Meinung gebildet hast? Und wie oft fragst du dich danach: „Stimmt das wirklich – oder klingt es nur so?“
Und falls dir das schwerfällt, weil „Ich weiß es nicht“ sich wie eine unerwünschte Schwäche anfühlt: Das ist kein persönliches Unvermögen, sondern schlicht „Demandingness“, Ellis‘ Begriff für die irrationale Forderung an sich selbst, immer eine Antwort parat haben zu müssen. Wer das erkennt, gewinnt etwas zurück: die Freiheit, zu fragen – und damit die Grundlage für bessere Entscheidungen.
Gelungene Selbstführung beginnt damit, die eigenen Denkfehler zu kennen
Die Fähigkeit, das eigene Denken zu beobachten, ist keine Selbstverständlichkeit – sie wird im Alltag kaum gefordert und durch KI-Nutzung aktiv untergraben, wie die Studie zeigt. Wer sie stärken will, braucht einen Rahmen dafür: eigene Denkmuster unter die Lupe nehmen, irrationale Überzeugungen erkennen, den Automaten kennenlernen.
Genau das trainiert Modul 1 im Leadership Programm des Dr. Holzinger Instituts – „First Lead Yourself“. Wer sich selbst führen kann, delegiert keine Entscheidungen an den Automaten. Und auch nicht an eine KI.
Lerne den Ansatz des Leadership Programms vorab kennen

Impulsvortrag · Heißer Stuhl · Get-together
Dr. Holzinger Institut, Stuttgart